Vor allem geht es nicht darum, auf einem Moodboard gut auszusehen. Deine Palette muss für dein Unternehmen im echten Leben funktionieren.
In diesem Guide schauen wir uns an:
- Wie viele Farben eine Marke braucht, um zu funktionieren
- Der Unterschied zwischen Farben für die Wiedererkennung und für die Navigation
- Praxisbeispiele aus meiner Arbeit
- 10 Beispiele globaler Marken mit 3 bis 102 Farben
Die „magische Nummer“
Starke Marken setzen meist auf ein System aus mindestens drei bis fünf Farben: eine Primärfarbe, zwei neutrale Töne und in der Regel eine Akzentfarbe. Das ist keine starre Regel, aber dieses Setup bietet genug Flexibilität, ohne die visuelle Identität zu überladen.
Markenfarben sind wie ein Filter. Sie helfen Menschen dabei, innerhalb von Sekunden zu entscheiden, ob deine Marke relevant für sie ist.
Studien zeigen tatsächlich, dass 62 bis 90% der spontanen Kaufentscheidungen allein auf der Farbwahrnehmung basieren.
Wenn deine Palette unruhig oder willkürlich wirkt, riskierst du, dass potenzielle Kunden abspringen, noch bevor sie dein Angebot verstehen—oder sie bringen das Design schlichtweg nicht mit deiner Marke in Verbindung.
Warum eine Marke mindestens drei Farben braucht
Ein funktionales Markensystem braucht eine klare Hierarchie, um organisiert und konsistent zu bleiben:
- Eine Primärfarbe: Das ist die Farbe, die Menschen zuerst wiedererkennen und mit deiner Marke verbinden.
- Zwei neutrale Töne: Dazu gehören ein heller Hintergrundton und eine dunkle Schriftfarbe. Neutrale Töne sorgen für Lesbarkeit und einen professionellen Look, während sie gleichzeitig den Markencharakter wahren.
Die optionale vierte Farbe
Wenn du eine Website erstellst, wirst du wahrscheinlich noch eine vierte Farbe benötigen. Eine Akzentfarbe hilft dabei, die Aufmerksamkeit gezielt auf Buttons und andere Call-to-Actions und Links zu lenken.
Wenn du deine Markenfarbe nämlich für alles verwendest, geht der Kontrast verloren. Ein dedizierter Akzentfarbton hingegen macht den nächsten Schritt für den Nutzer deutlich erkennbar.
Deine Farbhierarchie verstehen
Primärfarben
Deine Primärfarbe—oder manchmal auch eine Kombination aus zwei oder mehr Farben—ist das Fundament deiner visuellen Identität.
Verwende sie an allen Touchpoints, an denen Menschen mit deiner Marke in Kontakt kommen, insbesondere im Logo, im Favicon und im Profilbild in den sozialen Medien. So baust du sofortige Wiedererkennung auf.
Sekundär-, Tertiär- und neutrale Farben
- Sekundärfarben: Wähle zwei bis vier Farben, die deine Hauptfarbe ergänzen. Sie geben dir Spielraum für Hintergründe, Highlights oder zusätzliche grafische Details.
- Tertiärfarben: Füge diese nur hinzu, wenn du sie für komplexe Aufgaben benötigst , zum Beispiel für Infografiken oder Diagramme, bei denen viele Informationen gleichzeitig voneinander abgegrenzt werden müssen.
- Neutrale Farben: Sie geben deinen Hauptfarben den nötigen Raum zum Wirken und verhindern, dass dein Design überladen wirkt.
Sind mehr Farben immer besser?
Kurz gesagt: nein. Zwar können zu wenige Farben eintönig wirken, zu viele Farben lassen deine Marke jedoch unruhig und beliebig erscheinen.
Du musst dein Publikum darauf trainieren, deine Marke anhand ihrer unverwechselbaren Marken-Assets (Distinctive Brand Assets) zu erkennen—also anhand von Farben, Typografie usw. Je mehr Farben du hinzufügst, desto schwieriger wird es für sie, dich wiederzuerkennen und im Gedächtnis zu behalten.
Eine einfache Palette sorgt für eine schnellere Verbindung zur Zielgruppe. Zudem ist sie im Alltag viel leichter zu verwalten und auf alle Kanäle zu übertragen.
Aber, wenn eine Marke wächst oder die Angebote komplexer werden, reichen eine Handvoll Farben oft nicht mehr aus.
Wenn du ein breites Produktsortiment oder ein vielschichtiges Angebot hast, brauchst du oft zusätzliche Farben als Orientierungshilfe für deine Kunden.
In diesen Fällen kann es sinnvoll sein, deine Palette zu erweitern:
- Segmentierte Dienstleistungen: Wenn du klar getrennte Bereiche anbietest (z. B. Beratung vs. Training), hilft eine eigene Akzentfarbe für jeden Bereich den Kunden dabei, sofort zu verstehen, in welcher Abteilung sie sich gerade befinden.
- Digitale Interfaces & Dashboards: Wenn deine Marke ein digitales Tool betreibt, benötigst du Farben für den UI-Status (z. B. Erfolg, Fehler, Warnung, Aktiv usw.), damit Nutzer intuitiv navigieren können, ohne jedes Label lesen zu müssen.
- Datenvisualisierung: Marken, die mit Analysen oder Reports arbeiten, benötigen eine breite Palette an Sekundär- und Tertiärfarben, um Diagramme und Grafiken lesbar und unterscheidbar zu machen.
- Sub-Brands, Kollektionen & Produktlinien: Wenn du eine komplexere Markenarchitektur verwaltest—zum Beispiel eine Skincare-Linie mit drei Kollektionen für Anti-Aging, Feuchtigkeit und Sonnenschutz—wird Farbe zum roten Faden, der alles verbindet, während jede Linie ihre eigene Persönlichkeit behält.
Tipp
Wenn dein Angebot klar und überschaubar ist, machen weniger Farben deine Marke leichter erkennbar. Wenn du hingegen viele Dienstleistungen oder Sub-Marken hast, hilft eine größere Palette bei der Organisation und Navigation.
Beispiele strategischer Farbpaletten aus meiner Arbeit
1. Gen EM
Das Team von Gen EM hat einen On-Demand-Kurs entwickelt, um das Selbstvertrauen und die Fähigkeiten angehender Ärzte bei ihrer Rotation in den stressigen Alltag der Notaufnahme zu stärken.
Die Herausforderung
Gen EM wird von drei Gründern geleitet, von denen jeder eine eigene Persönlichkeit und spezielles Fachwissen mitbringt. Ziel war es, diese drei individuellen Stimmen in den sozialen Medien, im Podcast und im Kurs selbst darzustellen, ohne dass die Marke fragmentiert oder unruhig wirkt.
Die Strategie
Jeder Gründer erhielt eine eigene Farbe: Orange, Blau oder Rot. Um flexibel zu bleiben, haben wir jeweils eine hellere und eine dunklere Version dieser Farben erstellt. Kombiniert werden die Farben mit neutralen Tönen—Beige und Dunkelblau. Diese dienen als verbindendes Element für Texte, Hintergründe und gemeinsame Markenmomente.
Das Ergebnis
Das Logo zeigt einen Vogel mit drei Federn, die jeweils einen der Gründer symbolisieren. Jeder Arzt „besitzt” seine eigene Farbe, die sich in den Social-Media-Grafiken sowie in der Kleidung, die die Ärzte vor der Kamera tragen, widerspiegeln kann. Für die Studierenden ist das eine einfache visuelle Orientierungshilfe. Sie wissen sofort, wer gerade spricht, was das Folgen bei komplexen Themen erheblich erleichtert.
2. Office Flower Solutions
Office Flower Solutions ist ein in Melbourne ansässiger Abo-Service, der äußerst realistisch aussehende Blumenarrangements für Büros und Empfangsbereiche anbietet.
Die Herausforderung
In der Floristikbranche nutzen viele Marken Pink oder bunte Farben kombiniert mit Schwarz.
Zudem haben Kunstblumen oft den Ruf, kitschig oder altmodisch zu sein. Unsere Aufgabe war es, diese Wahrnehmung zu verändern und die Marke als hochwertige, moderne Alternative zu Frischblumen zu positionieren, ohne dabei den humorvollen, persönlichen Stil des Gründers zu verlieren.
The strategy
Wir haben die typischen „Blumenfarben“ ignoriert und uns stattdessen für tiefe Grüntöne und warme Beigetöne entschieden, also Farben, wie man sie in der Natur findet. Das verleiht der Marke ein natürliches, hochwertiges Image. Um die Persönlichkeit der Marke zusätzlich zu unterstreichen, haben wir ein kräftiges Violett als Akzentfarbe hinzugefügt.
The result
Die Grün- und Beigetöne verleihen der Marke einen eleganten „Editorial-Look“, der die Blumenarrangements perfekt in Szene setzt. Lila wird gezielt für Call-to-Action-Buttons und Highlights eingesetzt. Dieser moderne Premium-Ansatz zeigt, dass künstliche Blumen sowohl elegant als auch zeitgemäß sein können.
10 Beispiele für Markenfarben von globalen Marken
Um dir zu zeigen, dass alles möglich ist, habe ich hier zusammengestellt, wie zehn bekannte Marken ihre Farbsysteme handhaben.
1. Hulu (3 Farben)
Hulu setzt vor allem auf sein „Hulu Green“, das das digitale Interface dominiert.
Durch diese minimalistische Farbpalette wird eine sofortige Wiedererkennung in der Masse von App-Icons garantiert.
Quelle: Hulu colour guidelines
2. New Balance (3 Farben)
New Balance konzentriert sich auf drei Markenfarben: Rot, Schwarz und Weiß. Genau wie bei Hulu fällt jedoch auf, dass New Balance zusätzlich einige Grautöne verwendet.
Quelle: Branding Style Guides
3. Instagram (5 Farben)
Instagram nutzt einen Farbverlauf von Gelb bis Lila, um die Kreativität seiner Nutzer widerzuspiegeln. Das Branding bleibt lebendig, ohne das User Interface (UI) zu überladen.
Quelle: Instagram
4. Ogilvy (8 Farben)
Als globale Agentur benötigt Ogilvy eine breitere Farbpalette, um anspruchsvolles Design in ihren Berichten, Grafiken und Visualisierungen umzusetzen.
Quelle: Branding Style Guides
5. Uber (9 Farben)
Uber nutzt Farbe als funktionales Werkzeug. Ihr System aus 9 Farben hilft Nutzern dabei, in der App zwischen verschiedenen Fahrtmöglichkeiten wie UberX, Comfort und Lux zu unterscheiden.
Quelle: Branding Style Guides
6. Fiat (11 Farben)
Fiat nutzt eine breitere Sekundärpalette, um die verschiedenen Fahrzeugmodelle und Produktlinien unter einer einzigen Hauptmarke zu differenzieren.
Quelle: Branding Style Guides
7. Skoda (15 Farben)
Mit 15 Farbtönen setzt Skoda auf technische Präzision, besonders in ihren Fahrzeug-Konfiguratoren und technischen Diagrammen.
Source: Branding Style Guides
8. Zoom (17 Farben)
Die Palette von Zoom ist für das Interface gemacht. Sie nutzen spezifische Töne für Statusanzeigen wie Stummschaltung, Bildschirmfreigabe und Aufnahme, damit der Nutzer die Funktion eines Buttons nie erraten muss.
Quelle: Zoom colour guidelines
9. Warner Brothers (26 Farben)
Ein Filmstudio braucht Flexibilität. Mit 26 Farben können sie ihr Branding an jedes Genre anpassen – vom Horrorfilm bis zur romantischen Komödie.
10. IBM (102 Farben)
IBM ist das ultimative Beispiel für eine komplexe Marke. Ihre 102 Farben ermöglichen komplexe Datenvisualisierungen, während das typische IBM-Blau immer präsent bleibt. Tatsächlich ist das Blau in alle anderen Töne hineingemischt.
Quelle: IBM brand colour guidelines
Tipps für die Gestaltung deiner Farbpalette
- Starte mit dem „Warum“. Werde dir über deine Mission und deine Unternehmenswerte klar, bevor du Farben auswählst. Deine Palette sollte deine Strategie widerspiegeln und keine Zufallsentscheidung sein.
- Kreiere ein Gefühl. Die richtige Palette hilft dir, sofort eine Verbindung zu deiner Zielgruppe aufzubauen. Berücksichtige die psychologische Wirkung deiner Farben, bevor du dich festlegst.
- Respektiere die Hierarchie. Behandle nicht jede Farbe gleich. Entscheide, welche Töne führen und welche unterstützen sollen, damit dein Markenauftritt gewollt und strukturiert wirkt.
- Definiere Farbnuancen. Erstelle verschiedene Varianten deiner Hauptfarben—Tools wie Coolors können dabei helfen. Das gibt dir deutlich mehr Flexibilität für digitale Designs und Hintergründe.
- Verzichte auf reines Schwarz und Weiß. Diese können auf dem Bildschirm sehr hart wirken. Die Verwendung von weicheren, leicht „gebrandeten“ Tönen lässt deine Marke durchdachter und hochwertiger erscheinen.
- Prüfe die Barrierefreiheit. Stelle sicher, dass deine Farben überall funktionieren und gut lesbar sind. Ein hoher Kontrast ist unverzichtbar, besonders für Websites und digitale Interfaces.
- Dokumentiere deine Farbcodes. Klare Markenrichtlinien (HEX, RGB und CMYK) machen es einfacher, konsistent zu bleiben, wenn dein Unternehmen wächst und neue Teammitglieder dazukommen.
Weiterlesen
Wenn dir diese Tipps gefallen haben, findest du hier einen ausführlichen Artikel darüber, wie du deine eigene, einzigartige Markenfarbpalette erstellst.
Fazit
Wie du siehst, gibt es keine pauschale Antwort auf die Frage, wie viele Farben eine Marke haben sollte. Die zehn oben genannten globalen Marken verwenden im Durchschnitt 10,8 Farben, doch jede einzelne wirkt auf ihre Weise stimmig und konsistent.
Als Faustregel gilt:
- Wenn du ein Solopreneur bist, bleib bei 3 bis 5 Farben. Eine kleine Palette hilft den Menschen dabei, deine Marke schneller wiederzuerkennen.
- Als SaaS-Plattform oder mit einem komplexen Angebot können zehn oder mehr Farben notwendig sein, um beispielsweise verschiedene Bereiche deines Dashboards oder Interfaces zu kennzeichnen. Achte nur darauf, dass du weiterhin eine starke Markenfarbe oder Farbkombination hast, um die Wiedererkennung zu sichern.
Egal ob du 3 oder 30 Farben nutzt, konzentriere dich darauf, dass Menschen eine Verbindung zu deiner Marke aufbauen und sich orientieren können, anstatt nur starren Regeln zu folgen.
Die optimale Anzahl hängt letztlich von deiner individuellen Markenpersönlichkeit, deiner Positionierung und dem Einsatzzweck ab.
Fühlst du dich von deiner Farbpalette überfordert?
Du brauchst keine 102 Farben wie IBM, um professionell auszusehen, du brauchst nur die richtigen.
Wenn du bereit bist, deine unverwechselbaren Markenwerte zu definieren und als Experte in deinem Bereich wahrgenommen zu werden, kontaktiere mich hier.
Titelbild von Helena Lopes
Hinweis: Dieser Artikel enthält einen Affiliate-Link. Das bedeutet, dass ich eine kleine Provision erhalte, falls du dich für ein Abo von Coolors entscheidest. Ich empfehle jedoch grundsätzlich nur Tools, denen ich selbst voll und ganz vertraue.