Eine KI kann Pixel perfekt in ein Raster setzen. Sie spürt jedoch nicht, wenn ein Flattersatz nicht optimal gesetzt ist, und sie versteht auch nicht, warum eine Schriftart für eine Zielgruppe funktioniert und für eine andere nicht. Genau das ist dein Vorteil als Designer mit geübtem Auge.
In diesem Artikel findest du 22 Typografie-Tipps, die über die Grundlagen hinausgehen—Details, die eine KI einfach (noch) nicht beherrscht.
Als selbstgelernte Designerin habe ich jahrelang an mir gezweifelt. Doch kaum etwas hat meine Arbeit so stark verbessert wie das Erlernen der Typografie. Hier sind also die Typografie-Tipps, die ich gerne früher gewusst hätte.
1. Berücksichtige die Zielgruppe
Eine Zielgruppenanalyse umfasst mehr als nur demografische Daten wie Alter und Wohnort. Tauche in die Welt der Zielgruppe ein. Was ist ihnen vertraut? Was signalisiert für sie Qualität und was funktioniert bei ihnen gar nicht?
Eine Schrift, die in einem Kopenhagener Designstudio funktioniert, kann für ein Familienunternehmen im ländlichen Neuseeland völlig ungeeignet sein. Eine KI kann zwar Daten analysieren, aber dieses kulturelle Gespür hat sie nicht. Du hingegen schon.
Frag dich also, bevor du startest:
- Für wen mache ich das?
- Was ist diesen Menschen wichtig?
- Wie soll sich das Design für sie anfühlen?
Design-Tipp
Überlege nicht nur, wer deine Zielgruppe ist, sondern auch, wem sie bereits vertraut. Wähle Schriftarten, die eine Verbindung zu dieser Welt herstellen.
Mehr dazu erfährst du in meinem Artikel, in dem ich erkläre, warum es für Unternehmen und Marken so wichtig ist, ihre Zielgruppe zu kennen.
2. Nutze professionell designte Schriftarten
Kostenlose Schriftarten können gut funktionieren, werden aber oft zu häufig benutzt. Professionelle Schriftarten bieten mehr Einzigartigkeit, eine größere Auswahl an Schriftschnitten und -stilen sowie vollständige Zeichensätze.
Letzteres ist besonders wichtig, wenn du mit Sprachen wie Deutsch oder Te Reo Māori arbeitest—wie ich, da beide Sonderzeichen wie „ä” oder „ā” benötigen, die viele kostenlose Schriftarten nicht enthalten.
Auch variable Schriftarten sind einen Blick wert. Sie vereinen mehrere Schriftstärken und Stile in einer einzigen Datei und machen Websites schneller. Wenn du aber nur eine oder zwei Schriftstärken brauchst, können einzelne Dateien nach wie vor die bessere Wahl sein.
Design-Tipp
Wenn sich Design abheben soll, investiere in eine hochwertige Schriftart.
In diesem Artikel stelle ich dir die besten Websites vor, auf denen du Schriftarten findest—sowohl Open-Source- als auch kostenpflichtige. Viele Foundries haben Testversionen. Probiere sie unbedingt aus, bevor du dich festlegst.
3. Nutze eine klare Hierarchie
Jedes Design braucht eine klare Hierarchie, die den Blick lenkt. Die meisten Menschen überfliegen eine Seite, bevor sie sie lesen. Wenn die Informationen nicht klar strukturiert sind, geht deine Botschaft unter. Und wenn Nutzer nicht schnell finden, was sie suchen, verlierst du sie.
Größe, Schriftstärke, Farbe und Schriftstil helfen dabei, den Blick zu lenken.
Die MyMind-Website macht das gut. Das Auge landet zuerst auf der Überschrift, dann auf dem Button und schließlich auf der Navigation. Sogar die Kreisform leitet den Blick natürlich zur zentrierten Überschrift.
Design-Tipp
Lege vor dem Designen fest, was als Erstes, Zweites und Drittes wahrgenommen werden soll und baue dein Layout dementsprechend auf. Es ist einer dieser einfachen Typografie-Tipps, die einen großen Unterschied beim fertigen Design ausmachen.
4. Verwende Rastersysteme
Raster sorgen für Struktur. Sie ordnen Inhalte in Spalten und Zeilen an und sorgen dafür, dass nichts fehl am Platz wirkt.
Es gibt verschiedene Arten von Rastern—hier sind die wichtigsten:
- Manuskriptraster haben eine Haupttextspalte. Sie sind ideal für Bücher und längere Texte.
- Spaltenraster haben mehrere Spalten und in der Standard für Websites und Magazine.
- Modulare Raster kombinieren Spalten und Zeilen, was sie nützlich für komplexe Layouts mit viel Inhalt macht.
- Das Grundlinienraster wird oft mit anderen Rastern kombiniert. Es gibt dem Text einen einheitlichen vertikalen Rhythmus, sodass mehrspaltige Layouts kohärent wirken—und bei beidseitig bedruckten Seiten die Zeilen immer übereinanderliegen.
- Hierarchische Raster sind frei gestaltbar. Sie orientieren sich am Inhalt statt an festen Spalten und Zeilen.
Design-Tipp
Wenn du dich zu stark an ein Raster hältst, wirkt dein Design schnell zu starr. Indem du einigen Elementen erlaubst, aus dem Raster auszubrechen, erzeugst du Spannung. Allerdings solltest du es nicht übertreiben.
5. Verwende nicht zu viele Schriftarten & paare sie harmonisch
Verwende nicht mehr als zwei bis drei Schriftarten, da dein Design sonst schnell unübersichtlich wirken kann. Wenn du verschiedene Schriftarten kombinieren möchtest, helfen dir diese Tipps:
- Kombiniere keine zwei Schriften aus derselben Kategorie. Wähle beispielsweise eine Serifenschrift und eine serifenlose Schrift, um Kontrast zu erzeugen und zu vermeiden, dass die Schriften miteinander konkurrieren.
- Achte auf die x-Höhe. Schriftarten mit ähnlicher x-Höhe wirken harmonischer zusammen.
- Kombiniere Schriftarten mit ähnlichem Stresswinkel—vertikal oder diagonal—für ein Gefühl der Zusammengehörigkeit.
- Erstelle eine Hierarchie durch unterschiedliche Schriftstärken, bevor du mehr Schriftarten hinzufügst.
- Schriftarten desselben Designers teilen oft ähnliche Grundproportionen und passen gut zusammen.
- Viele Schriftfamilien enthalten schmale und breite Varianten (condensed & extended). Kombiniere sie für Spannung innerhalb einer Familie.
- Entscheide dich für eine dominante Schriftart für Überschriften und eine ergänzende, gut lesbare für den Fließtext. Behandle nicht beide gleich.
6. Nutze Kontraste
Kontraste helfen dabei, eine Hierarchie herzustellen und dadurch eine bessere Lesbarkeit zu garantieren. Du kannst Größe, Schriftstärke, Farbe, Stil oder sogar Hintergründe nutzen, um Kontraste zu erzeugen—wie es zum Beispiel Jokolade macht.
Du siehst—Kontrast kann auch durch Farben oder Formen hinter dem Text entstehen. Achte dabei aber immer darauf, dass Text und Hintergrund gut lesbar bleiben.
Design-Tipp
Wenn du dir bei der Lesbarkeit unsicher bist, prüfe das Kontrastverhältnis. Die WCAG empfiehlt für Fließtext ein Verhältnis von 4,5:1. Tools wie Coolors können dir dabei helfen, dieses Verhältnis für deine Farben zu testen.
7. Nutze Weißraum
Als Designanfänger unterschätzen wir oft das Potenzial von Weißraum. Dabei musst du nicht jeden Zentimeter deiner Fläche mit Text oder Bildern füllen. In den meisten Fällen gilt: Weniger ist mehr.
Weißraum lässt dein Design atmen und verleiht ihm einen hochwertigeren Look. Außerdem leitet er die Aufmerksamkeit genau dorthin, wo du sie haben möchtest.
Ein gutes Beispiel ist die Website von Aesop. Sie ist minimalistisch gestaltet und wirkt dadurch sehr hochwertig und sauber.
Design-Tipp
Manchmal ist es hilfreich, zunächst alles auf das Wesentliche zu reduzieren und nur das zurückzuholen, was der Botschaft wirklich dient.
8. Nutze die passende Textausrichtung
Die Ausrichtung des Textes beeinflusst nicht nur das gesamte Erscheinungsbild deines Designs, sondern auch die Lesbarkeit.
Linksbündiger Text eignet sich am besten für Fließtext. Leser in Kulturen, die von links nach rechts lesen, beginnen so jede Zeile am selben Punkt, was das Auge weniger belastet.
Wenn du linksbündigen Text verwendest, achte auf den Flattersatz, also den ungleichmäßigen vertikalen Rand auf der rechten Seite. Ein guter Flattersatz wirkt weich und organisch, nicht wie eine Treppe oder Kluft. Genau hier versagt KI noch. Sie bricht Zeilen einfach dort, wo sie auf den Containerrand treffen, ohne den visuellen Rhythmus zu berücksichtigen.
Zentrierter Text eignet sich für kurze Passagen wie Zitate oder Überschriften, ist bei längeren Zeilen jedoch schwer zu lesen.
Blocksatz kann in gedruckter Form formell wirken, ist aber schwieriger perfekt umzusetzen. Auf dem Bildschirm entstehen in schmalen Spalten oft ungleichmäßige Wortabstände. Verwende Blocksatz daher nur, wenn deine Zeilenlänge lang genug ist, um Lücken zu vermeiden.
Design-Tipp
Aktiviere beim Blocksatz immer die Silbentrennung. So werden die Abstände gleichmäßiger verteilt und unschöne Lücken verhindert.
9. Vermeide reines Schwarz und Weiß
Auf Bildschirmen kann schwarzer Text auf weißem Hintergrund für die Augen schnell ermüdend sein. In solchen Fällen ist es hilfreich, die Intensität etwas abzuschwächen. Wenn du stattdessen Fast-Schwarz und gedämpftes Weiß nutzt, wird das von den wenigsten bewusst wahrgenommen, aber der Unterschied wird spürbar sein.
Meine Website verwendet beispielsweise die Farben #080708 für Schwarz und #F5F5F5 für Weiß, was das Lesen viel angenehmer macht.
Das gleiche gilt übrigens auch für den Dunkelmodus. Weißer Text auf schwarzem Hintergrund kann sehr intensiv wirken. Angenehmer ist cremefarbener Text auf Dunkelgrau.
Design-Tipp
Du kannst auch einen Hintergrund in einer dezenten Variante deiner Markenfarbe verwenden. Das schafft einen subtilen Markenbezug.
In diesem Kontext gefällt dir vielleicht auch mein Artikel darüber, was Marken wiedererkennbar macht.
10. Richte Textelemente optisch aus, nicht mathematisch
Etwas kann mathematisch zentriert sein und dennoch falsch aussehen. Bestimmte Buchstabenformen, wie beispielsweise A, V oder T, haben auf einer Seite mehr „Freiraum” und wirken dadurch auf einem Hintergrund, wie zum Beispiel einem Button, nicht zentriert, auch wenn sie es nicht sind.
Schriftdesigner wissen das und bauen deshalb kleine optische Korrekturen in ihre Schriften ein. Genau das solltest du auch tun, wenn du beispielsweise Text in Buttons setzt.
Ein guter Ansatz ist es, Text zunächst mathematisch auszurichten und dann nach Gefühl nachzujustieren. Wenn etwas nicht stimmig aussieht, vertraue deinem Instinkt. Meistens ist es dann auch so.
Übrigens kann KI eine solche optische Ausrichtung nicht vornehmen. Sie arbeitet mit Rahmen, also den äußersten Rändern einer Form, und richtet rein mathematisch aus.
Design-Tipp
Je mehr du übst, desto besser wird dein Blick dafür.
Wenn du Schwierigkeiten hast, die ungleichen Abstände zu erkennen, weil dein Gehirn damit beschäftigt ist, das Wort zu lesen, drehe dein Design einfach auf den Kopf. Dein Gehirn sieht die Buchstaben dann als Formen und visuelles Gewicht, was sie leichter ausrichten lässt.
11. Verwende eine typografische Skala
Eine typografische Skala sorgt dafür, dass die Größen von Überschriften und Fließtext aufeinander abgestimmt sind, sodass alles zusammenpasst und nicht willkürlich wirkt. Das Prinzip ist, dass sich jede Größe aus der vorherigen ergibt, indem diese mit einem festen Verhältnis multipliziert wird.
Beginne immer mit der Größe des Fließtextes und leite die Größen der Überschriften daraus ab. Ist dein Fließtext zum Beispiel 16 px groß und du verwendest den Goldenen Schnitt (1,618), ergibt das die nächste Größe: 16 × 1,618 = ca. 26 px. So entstehen Größen, die sich harmonisch anfühlen.
Typescale.com nimmt dir die Berechnung ab. Passe die finalen Größen aber immer mit dem Auge an. Was im Tool stimmt, kann im echten Layout trotzdem falsch wirken.
Design-Tipp
Eine typografische Skala erleichtert auch Entwicklern die Arbeit, denn ein durchdachtes System mit einheitlichen Größen wird einmal gebaut und kann dann überall verwendet werden.
Im Webdesign verwende ich gerne die CSS-Funktion „clamp()”, um „Fluid Type” zu erstellen, die zwischen Mobil- und Desktop-Ansichten automatisch skaliert.
12. Nutze optische Schriftschnitte (Display- vs. Textschriften)
Bei der Typografie geht es nicht darum, eine Schrift einfach größer oder kleiner zu ziehen. Einige hochwertige Schriftfamilien wie die von Klim oder Pangram Pangram bieten optische Schriftschnitte, die speziell für verschiedene Größen entwickelt wurden.
Display- oder Headline-Schriften sind für 24 px und größer konzipiert. Sie haben engere Laufweiten und feine Haarlinien, die in großen Größen besonders elegant wirken.
Textschriften sind für Fließtext gemacht. Sie haben breitere Öffnungen—die Aussparungen in Buchstaben wie „e“ oder „c“—und kräftigere Striche, die die Lesbarkeit bei kleinen Größen sicherstellen.
Die meisten KI-Tools und einfachen Generatoren skalieren Textschriften einfach hoch oder runter. Und das sieht man. Die Schriften wirken klobig und unleserlich.
Design-Tipp
Prüfe, ob deine Schriftfamilie Schnitte mit Namen wie „Display“, „Headline“, „Banner“ oder „Poster“ enthält. Diese sind für große Größen gemacht. Für kleinen Text verwendest du besser die Varianten „Text“ oder „Body“.
13. Achte auf den richtigen Zeilenabstand
Der Zeilenabstand ist der Abstand zwischen den Textzeilen. Wenn er nicht stimmt, leidet die Lesbarkeit sofort. Zeilen, die zu dicht beieinander stehen, verschwimmen ineinander und Zeilen, die zu weit auseinander liegen, wirken unübersichtlich und verlieren den Zusammenhang.
Ein guter Ausgangspunkt ist meist das 1,2-fache der Schriftgröße für Überschriften und das 1,5-fache für Fließtext. Passe den Wert dann je nach Schriftart und Zeilenlänge an.
Design-Tipp
Meistens musst du den Zeilenabstand im Webdesign auf die verschiedenen Bildschirmgrößen anpassen. Was auf dem Desktop gut aussieht, kann auf Mobilgeräten manchmal zu eng wirken, vor allem, wenn die Zeilenlänge hier geringer ist.
14. Achte auf die Zeilenlänge
Die Zeilenlänge hat einen größeren Einfluss auf die Lesbarkeit, als den meisten bewusst ist. Lange Zeilen erschweren es, den Anschluss zur nächsten Zeile zu finden. Zu kurze Zeilen stören hingegen den Lesefluss.
Für Fließtext ist eine gute Faustregel 45 bis 75 Zeichen pro Zeile, wobei sich bei einspaltigen Layouts etwa 65 Zeichen als ideal erweisen.
Auf breiten Bildschirmen sollte die Textspalte daher schmaler gehalten werden, statt sie über das gesamte Layout zu strecken.
Design-Tipp
Auf Mobilgeräten funktionieren kürzere Zeilenlängen—etwa 40 bis 50 Zeichen—aufgrund des schmaleren Bildschirms besser.
15. Verwende Lead-Paragraphen
Ein Lead-Paragraph ist eine kurze Einleitung, die sich optisch vom restlichen Fließtext abhebt. Dies kann beispielsweise durch eine größere Schriftgröße, eine andere Schriftstärke, einen anderen Stil oder eine Initiale geschehen. Er erleichtert den Einstieg, bevor sich der Leser auf den gesamten Text einlässt.
Lead-Paragraphen sind hilfreich, um lange Texte aufzulockern. In Broschüren oder auf Websites kann nicht alles gleich wichtig sein. Ein anders gesetzter Absatz signalisiert, was Priorität hat, und verleiht dem Layout mehr Struktur. Außerdem werden Online-Artikel oft geteilt, ohne dass sie vollständig gelesen wurden. Ein starker Lead-Paragraph kann dabei helfen.
Um zu sehen, wie ein solcher Lead-Paragraph in der Praxis aussieht, scrolle einfach noch einmal etwas hoch. Auf meiner Website ist der erste Absatz jedes Artikels größer gesetzt.
16. Verwende für Fließtext Schriften mit geringem Strichkontrast
Schriften mit hohem Strichkontrast, wie Bodoni, sehen in großen Größen fantastisch aus. Bei kleinen Größen verschwinden die feinen Haarlinien allerdings, und der Text wird schwer lesbar.
Für Fließtext sind Schriften mit gleichmäßigen Strichstärken und wenig Kontrast immer die bessere Wahl. Sie ermüden das Auge weniger und bleiben auch bei kleinen Größen gut lesbar.
17. Achte auf die x-Höhe
Die x-Höhe bezeichnet die Höhe der Kleinbuchstaben einer Schrift.
Schriften mit einer größeren x-Höhe sind bei kleinen Größen in der Regel leichter zu lesen, weil die Buchstaben besser hervortreten.
Wenn die x-Höhe allerdings zu groß ist, verlieren die Wörter ihre typische Form. Das ist ein Problem, weil wir Texte nicht Buchstabe für Buchstabe lesen, sondern Wörter meist als Ganzes anhand ihrer Form erfassen.
18. Verwende für Hervorhebungen Kursivschrift statt Fettdruck
Ich bin immer etwas irritiert, wenn ich einen Satz voller fetter Wörter sehe. Das stört den Lesefluss und lässt das Auge unkontrolliert über die Seite springen.
Kursivschrift ist eine subtilere Art, etwas hervorzuheben. Die Botschaft kommt an, ohne den Rest zu dominieren.
Das heißt aber nicht, dass fett gedruckte Wörter immer unpassend sind. Am Anfang eines Aufzählungspunkts zum Beispiel ist es sinnvoll. Hier hilft es dabei, den Text schneller zu überfliegen.
19. Vermeide Witwen und Waisen
Eine Witwe ist ein einzelnes Wort, das allein in der letzten Zeile eines Absatzes steht. Eine Waise ist eine einzelne Zeile am Anfang einer neuen Spalte oder Seite. Beide wirken unfertig und zeigen sofort, ob jemand sich mit Typografie auskennt, oder nicht.
Im Druck lässt sich das durch angepasste Zeilenumbrüche oder kleine Textänderungen beheben. Im Web ist es kniffliger, da sich Text auf verschiedenen Bildschirmgrößen unterschiedlich verhält. Man kann den Satz leicht umformulieren, aber eine Garantie hat man nie. Manchmal muss man es einfach akzeptieren.
Design-Tipp
Es gibt tatsächlich auch CSS-Eigenschaften, um Witwen (widows) und Waisen (orphans) zu verhindern, aber die Browserunterstützung ist nicht überall gleich. Verlass dich also nicht zu sehr darauf.
20. Achte auf das Kerning
Kerning ist der Abstand zwischen einzelnen Buchstabenpaaren. Schon ein kleiner Fehler hier kann ein Design unprofessionell wirken lassen, auch wenn alles andere stimmt. Sicherlich nehmen die meisten Leute es nicht bewusst wahr, aber sie merken, dass es irgendwie unprofessionell aussieht—besonders bei Logos und großen Überschriften.
Die meisten Design-Tools regeln Kerning automatisch. Allerdings können sie nur mit dem arbeiten, was die Schriftart bereitstellt. Kostenlose Schriftarten haben oft unvollständige Kerning-Tabellen. Das spricht wiederum für eine Investition in professionelle Schriftarten.
Wie dem auch sei, überprüfe Überschriften und Logos trotzdem immer manuell. Je größer die Schrift, desto auffälliger wird schlechtes Kerning.
KI kernt übrigens nicht automatisch. Selbst bei professionellen Schriftarten entstehen bei bestimmten Paaren wie Va, Ty, Wa oder Ly optische Lücken. KI kann diesen Abstand nicht „sehen“, denn sie kennt nur die Koordinaten des Begrenzungsrahmens.
Design-Tipp
Wenn du dein Auge trainieren willst, ist dieses Kerning-Spiel eine gute Übung. Wenn du dir hierfür fünf Minuten Zeit nimmst, siehst du schlechtes Kerning danach überall.
21. Verwende OpenType-Funktionen und Glyphen
Die meisten professionellen Schriftarten verfügen über Funktionen, die viele Designer nie verwenden. OpenType-Funktionen sind das Geheimnis, das deinen Textsatz richtig professionell aussehen lässt.
Je nach Schriftart hast du Zugriff auf:
- Ligaturen: Sie verbinden zwei Buchstaben zu einem Zeichen, wie fi oder fl, für sauberere Abstände und ein professionelleres Erscheinungsbild.
- Kapitälchen: Das sind Großbuchstabenformen in der Höhe von Kleinbuchstaben. Sie sind praktisch für Überschriften oder Abkürzungen, die nicht zu dominant sein sollen.
- Stilistische Alternativen: Sie bieten verschiedene Versionen bestimmter Buchstaben für eine leicht andere Wirkung—zum Beispiel das einstöckige vs. zweistöckige a.
- Schwünge: Sie fügen bestimmten Zeichen dekorative Verzierungen hinzu, was Schrift in großen Größen interessanter macht.
- Mediävalziffern: Sie sitzen auf der Grundlinie wie Kleinbuchstaben und fügen sich harmonischer in Fließtext ein.
- Kontextuelle Alternativen: Sie passen sich automatisch an die umliegenden Zeichen an, um bessere Abstände und einen flüssigeren Satz zu schaffen.
- Brüche: Sie liefern korrekte Zeichen wie ¼ statt des unschönen 1/4.
Design-Tipp
In Illustrator und InDesign findest du „OpenType“ und „Glyphen“ unter deinen Werkzeugen. Es lohnt sich, ein paar Minuten damit zu verbringen, um zu sehen, was deine Schriftarten alles enthalten.
22. Achte auf korrekte Interpunktion
Die Interpunktion gehört auch zur Typografie. Wenn sie nicht stimmt, dann stört das den Lesefluss und sieht unprofessionell aus—selbst wenn viele das Problem sicher nicht konkret benennen könnten.
Falsche Interpunktion ist auch ein ganz klares Zeichen für KI-generierte oder unprofessionelle Textlayouts. Algorithmen verwenden standardmäßig gerade Anführungszeichen und Fußzeichen, weil sie den Kontext des Satzes nicht verstehen.
Hier eine kurze Übersicht der korrekten Zeichen:
- Bindestrich (-): verbindet Wörter oder trennt sie am Zeilenende
- Gedankenstrich (–): für Zahlenbereiche (Seiten 10–20) und verwandte Begriffe
- Langer Gedankenstrich (—): markiert einen Gedankenbruch oder setzt einen Einschub ab—so wie hier
- Mittelpunkt (·): eine subtile Alternative zu Aufzählungspunkten, wenn du Textelemente voneinander trennen möchtest
- Typografische Anführungszeichen („ „): im Deutschen sind sie unten und oben (66 99), nicht die geraden Zollzeichen
- Apostroph (’): das geschwungene Zeichen für Auslassungen, nicht das gerade Fußzeichen
- Auslassungspunkte (…): ein gesondertes Zeichen, nicht drei einzeln getippte Punkte
- Korrekte Sonderzeichen (© ® °C ™): immer das richtige Zeichen verwenden, nicht (c) oder ähnliche Varianten
Bonus-Tipp: Trainiere diese Typografie-Tipps regelmäßig
KI kann zwar Designs generieren, aber gerade bei den kleinen Details, wie den Feinheiten der Typografie, hapert es noch. Es braucht ein geschultes Auge, um zu erkennen, wenn der Zeilenabstand nicht stimmt, wenn eine Schriftart die falsche Botschaft vermittelt oder wenn etwas für die Zielgruppe einfach nicht funktioniert.
Letztlich geht es bei der Typografie darum, ein System zu schaffen, das so intuitiv ist, dass die Nutzer gar nicht merken, dass sie gelenkt werden—und ich hoffe, dabei helfen dir diese Typografie-Tipps.
Wenn du als Designer mit KI erfolgreich sein willst, musst du also als Art Director arbeiten können.
Es ist fast genauso wichtig, diese Regeln zu kennen wie zu wissen, wann man sie brechen darf. KI befolgt sie jedes Mal perfekt. Aber genau da liegt deine Chance, denn was ein Design menschlich und spannend macht, ist oft genau das, was uns überrascht.
Typografie-Ressourcen
- Zahlreiche Bücher und Kurse bieten eine ausgezeichnete Möglichkeit, tiefer in das Thema einzutauchen.
- Ebenfalls gut ist The Flawless Typography Checklist von Typewolf, das Erkenntnisse und Expertise aus verschiedenen Quellen zusammenfasst.
- Hier sind die 25 besten Websites, um Schriftarten zu finden.
- Und schließlich: Üben, üben, üben! Dieser Artikel stellt acht aktuelle Schrifttrends vor, die dich inspirieren könnten.
Und was jetzt?
- Wenn du deine Arbeiten professionell präsentieren möchtest, schau dir meine Auswahl der besten Premium-Mockup-Websites an—inklusive einiger Rabattcodes.
- Wenn du auch die fotografische Qualität deiner Entwürfe verbessern möchtest, ist mein Artikel mit den besten Stockfoto-Websites vielleicht hilfreich.
- Und wenn du deine Skills über Typografie hinaus weiter ausbauen möchtest, habe ich hier die besten Ressourcen zum Thema Branding zusammengestellt—mit Büchern, Tools und anderen Ressourcen, die man immer griffbereit haben sollte.